Eine gemeinsame Erzählung damit sich Gemeinschaft entwickeln kann

Ein Austausch über „Unsere Länder, unsere Nachbarn und wir selbst“

„Unser Ziel ist es, eine gemeinsame historische Erzählung und ein kollektives Gedächtnis aufzubauen, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zu entwickeln – nicht im politischen, sondern im geografischen Sinne – mit unserem Reichtum an Kultur, Tradition, Sprache und Erfahrungen, um eine gesunde Gesellschaft wachsen zu lassen“, sagte die Deutsche Ulrike Keller in Jelenia Góra, Hirschberg, Polen, wo sich Menschen aus sieben europäischen Ländern über „Unsere Länder, unsere Nachbarn und wir selbst“ vom 13. – 15. Oktober 2023 austauschten.

Gruppenbild - Treffen in Polen im Oktober 2023

16 Personen aus Deutschland, Frankreich, Niederlande, Polen, Ukraine, Schweiz und Österreich skizzierten in der Villa Sobieszow mit vier charakteristischen Eigenschaften in einer Wer bin ich? Was kann ich gut? – Vorstellrunde ihre eigene Identität. Dabei kam eine bunte Palette von Qualitäten zum Vorschein, vom gut zuhören können über Sprachen sprechen, die verbinden, bis hin zu „Ich fühle mich als eine unabhängige freie Frau“, wie eine Ukrainerin, die seit einiger Zeit in Polen lebt, sagte.

Kleine Gedanken können Heilung und Wertschätzung bringen

Bei einer Führung durch die Innenstadt von Jelenia Góra, kam nicht nur die bewegte Geschichte der rund 80 000 Einwohner zählenden Stadt mit seinen alten Bürgerhäusern und zahlreichen Sehenswürdigkeiten zum Vorschein, sondern auch die der gesamten Region Schlesien, aus der nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Deutsche vertrieben wurden. Da sprachen Deutsche ohne Hass von ihrer schlesischen Herkunft, von Besuchen in Dörfern und Städten, wo ihre Eltern oder Großeltern geboren wurden und der polnische Reiseführer von der zunächst vorhandenen Unsicherheit der aus den verlorenen Ostgebieten Polens (Ukraine, Weißrussland) angesiedelten Polen. Ebenso waren auch Beweise für die deutsch-polnische Zusammenarbeit an den hier und da renovierten historischen Gebäuden zu sehen.

Am Beispiel eines Familienunternehmens wurde die Verbindung zwischen dem Intimen und dem Globalen dargelegt und wie das Leben durch tiefes inneres Zuhören so gelenkt wurde, dass die Firma nicht zugrundeging, sondern sich durch innovative Wege erneuerte. Zur Frage nach dem Zusammenhang zwischen meiner persönlichen Veränderung und der Umwelt, in der ich lebe, meinte einer: „Die Veränderung der Umwelt beginnt mit der Veränderung bei mir selbst“. Er veranschaulichte das am Beispiel seines Engagements für das Komitee zur Verteidigung der Demokratie.

Zwei Männer unterhalten sich
Menschen sitzen zusammen

„In Europa haben wir die Schwierigkeit, uns selbst zu schätzen. Wir brauchen Änderung, Heilung und Rehabilitierung auf der persönlichen und nationalen Ebene“, sagte eine Person. Eine andere betonte: „Kleine Handlungen können verändern, kleine Gedanken können Heilung und Wertschätzung bringen“. Eine weitere meinte: „Wir können Leute nicht willkommen heißen, wenn ich nicht weiß, wer ich bin, wenn ich mein Land nicht schützen kann, weil ich mich selbst nicht schützen kann“. Eine Polin erzählte von ihrer Erfahrung als Osteuropäerin, die sich den Westeuropäern gegenüber minderwertig behandelt gefühlt hat.

Auf einer der gestalteten Wände war die Überzeugung zu lesen: „Meine Vision von unseren europäischen Ländern ist, dass jedes Land seine Identität findet und genießt, getreu seinen spezifischen Talenten, während alle mehr zusammenwachsen und für gemeinsame Themen zusammenarbeiten. Dazu gehört natürlich auch die Verteidigung unserer demokratischen Werte, unserer Vision von Frieden und Weltordnung, sowie eine
echte und großzügige, selbstlose und entschlossene Fürsorge für Länder und Menschen in Not in der Nähe oder in der Ferne“.

Gruppen von Menschen vor einer Sitzbank

Das war auch erlebbar. Nachdem die Gastgeberin mit Brot und Salz begrüßt hatte gab es eine Palette köstlicher polnischer Pierogis zum Abendessen. Im Wahrnehmen der verschiedenen Selbstversorgerhausarbeiten vom gemeinsam Frühstück machen, Servieren bis zum Putzen in kleinen Gruppen fand das seine Fortsetzung. Die miteinander zubereitete russisch-ukrainische Borschtsch-Suppe war ebenso ein Genuss wie das Schweizer Raclette.

Befreit – die eigene Identität wieder leben können

Eine von der Krim stammende Ukrainerin, die jetzt als Flüchtling in Spanien lebt, hatte nach der Besetzung der Krim durch die Russen begonnen, ihre russische Bildung aus Angst zu verbergen und fühlte sich nun befreit, diesen Teil ihrer Identität wieder leben zu können. Eine Französin warf die Frage nach der Verantwortung Europas für die Situation im Nahen Osten auf, wo viele Juden aus Europa – besonders auch aus dem Osten – nach dem Zweiten Weltkrieg nach Israel eingewandert sind und was man da tun kann? Ein Franzose ergänzte, wie können wir für Frankreich und Europa einen neuen Antisemitismus und Terror vermeiden.

Zwei Frauen singen

Die ukrainische Sängerin Zoriana Grzybowska gab mit der Aufführung des von ihr und ihrem Mann Artur erarbeiteten und auf der 65-saitigen Bandura begleiteten Stückes “Die siegreiche Judit” einen “fantastischen Abend”, wie mehrere sagten. Die musikalische und verbale Darbietung, eine Art Mysterienspiel, ein Gebet für Frieden in der Ukraine, umfasst eine Reihe von Liedern und Balladen, wofür das Buch Judit, das ihrer Ansicht nach die Situation der Ukraine nach dem 24. Februar 2022 am besten widerspiegelt, die Grundlage bildet. Nun möchte sie für weitere Abende Englisch lernen.

Wie können wir uns gegenseitig unterstützen, um stärkere Brücken zwischen uns zu bauen? Was ist die Zukunft dieser Gruppe, wurde gefragt. Einige Leute arbeiten an einer musikalischen Inszenierung mit dem Thema „Gott hat einen Plan“. Die Möglichkeit weiterer Treffen (Rumänien, Moldawien) wurde angedacht. Zahlreiche Lieder mit Gitarren- und Pianobegleitung wurden miteinander gesungen, es wurde getanzt und gelacht. Gemeinschaft war erlebbar.

Autor: Franz Vock